"Wir setzen auf Verbindendes und Gemeinschaft."
Mit dem iXNet-Talk haben das inklusive Expert*innen-Netzwerk (iXNet) und die ZAV-Künstlervermittlung ein digitales Gesprächsformat entwickelt, das aktuelle Themen rund um Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit in Kunst, Kultur und Arbeitswelt in den Mittelpunkt stellt.
Ziel ist es, Perspektiven sichtbar zu machen, fachlichen Austausch zu ermöglichen und Künstler*innen mit Behinderung einen Raum für Information, Vernetzung und Dialog zu bieten.
Organisiert und moderiert wird das digitale Angebot durch Andreas Brüning (iXNet) und Jörg Brückner (ZAV-Künstlervermittlung). Wir haben mit Jörg Brückner über die Vision hinter dem Format, aktuelle Herausforderungen und die Frage gesprochen, warum solche Räume für Austausch und Sichtbarkeit heute besonders wichtig sind.
Jörg Brückner, wie ist die Zusammenarbeit zwischen iXNet und der ZAV-Künstlervermittlung entstanden – welche gemeinsame Vision verbindet Sie?
Die ZAV-Künstlervermittlung engagiert sich seit vielen Jahren im Netzwerk Charta der Vielfalt und setzt sich für gleiche Chancen und Wertschätzung aller Künstler*innen ein – unabhängig von Herkunft, Alter, geschlechtlicher Identität, sexueller Orientierung, Religion, Behinderung oder anderen individuellen Merkmalen. Da lag es nahe, dass wir zusammen mit iXNet ein Format für Kreative aus der Kultur- und Kreativwirtschaft mit Behinderung entwickeln.
Was macht diesen offenen und interdisziplinären Austausch so wertvoll?
iXNet ist eine etablierte Plattform mit großer Reichweite und einem niederschwelligen Zugang. Die ZAV-Künstlervermittlung arbeitet eng mit darstellenden Künstler*innen und Filmschaffenden zusammen. Gleichzeitig haben wir das Format bewusst offen gestaltet, um unterschiedliche Perspektiven aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zusammenzubringen. Wir setzen auf Verbindendes und Gemeinschaft. Die Kolleg*innen von iXNet bringen die Fachexpertise im Kontext Inklusion mit und wir haben Kontakte zu Netzwerkpartner*innen in der Kultur- und Kreativwirtschaft; hier in Berlin auch zu politischen Entscheidungsträger*innen. So gelingt es uns Fragestellungen adressatengerecht weiterzuleiten und anschließend auf Antwort zu pochen.
Wie wählen Sie die Themen für die Talks gemeinsam aus? Ist es schwer die passenden Expert*innen zu finden, die fundiert darüber sprechen können?
Bei der Themenauswahl orientieren wir uns an Fragestellungen, die für Künstler*innen mit Behinderungen im Arbeitsalltag relevant sind. Uns ist wichtig, Expert*innen aus der Praxis einzuladen – Menschen, die die Herausforderungen kennen und zugleich konkrete Erfahrungen und Lösungsansätze mitbringen. Bisherige Themen reichten von Barrierefreiheit in Museen und Ausstellungen bis hin zu Audiodeskription im Theater sowie zuletzt in Film und Fernsehen. Nicht jedes Thema lässt sich leicht besetzen – umso wichtiger sind offene Gespräche und der Austausch mit engagierten Fachleuten.
Wo sehen Sie positive Entwicklungen und wo geht es noch zu langsam voran?
Es geht meiner Meinung nach leider viel zu langsam voran. Veränderungen brauchen Aufmerksamkeit und oft auch zusätzliche finanzielle Mittel – in beiden Bereichen würde ich mir mehr politischen Willen wünschen. Positiv erleben wir das große Interesse am Format und Rückmeldungen der Teilnehmenden. Sie zeigen, dass Austausch und Sichtbarkeit einen wichtigen Beitrag leisten können.
Hat sich Ihre Wahrnehmung von Barrierefreiheit in Kunst und Kultur durch die Zusammenarbeit und die bisherigen Talks verändert – und wenn ja, was nehmen Sie aus dem Austausch konkret für Ihre weitere Arbeit mit?
Eine staatliche Organisation wie die ZAV-Künstlervermittlung sieht es als ihren sozialen Auftrag Räume zu schaffen, in denen sich Kulturschaffende mit Behinderung sicher fühlen können, sowie eine Stimme erhalten. Sie sind eine vulnerable Gruppe, der häufig Sichtbarkeit fehlt. Mit den iXNet-Talks wollen wir sie ins Gespräch bringen und vernetzen. Das ist für uns Empowerment!
Im letzten Webinar stand das Thema ‚Audiodeskription in Film und Fernsehen im Mittelpunkt. Warum ist Audiodeskription aus Ihrer Sicht weit mehr als eine technische Ergänzung?
Ich habe sehr viel dazugelernt in unserem letzten Webinar. Audiodeskription ist eine eigene Kunstform, denn es geht um viel mehr, als nur eine Szene zu beschreiben. Es sind verschiedene Gewerke am Prozess beteiligt. Im besten Fall gibt es in der Redaktion ein Tandem – bestehend aus einer blinden und sehenden Person – die gemeinsam das Material entwickeln. Dann gibt es Sprecher*innen und/oder Schauspielende, die den Text einsprechen und natürlich auch die Technik, die den Beitrag über die Szene legt. Diese intensive Zusammenarbeit hat mich stark beeindruckt. Übrigens ist Audiodeskription auch eine interessante Qualifizierung für sehbeeinträchtige und blinde Menschen. Leider spielt auch hier die Künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle und wird viele Berufe in den nächsten Jahren verdrängen.
Zum Abschluss ein Blick nach vorne: Welche Themen möchten Sie in den kommenden Talks unbedingt noch aufgreifen oder vertiefen?
Generell möchten wir künftig noch stärker Praxisbeispiele aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in den Mittelpunkt stellen – etwa gelungene Ansätze im Theater oder andere Modelle, die zeigen, wie Teilhabe konkret gestaltet werden kann und welche Erfahrungen daraus entstehen.
Konkret findet am 3. Dezember 2026, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, der nächste iXNet-Talk statt bei dem wir ein sehr aktuelles Thema aufgreifen möchten. Menschen mit Behinderungen fehlen in den Erzählungen über Klima und Zukunft oft gleich doppelt: als Publikum, weil Kulturorte und Debattenräume nicht barrierefrei sind, und als Kunstschaffende, weil der Weg in künstlerische Berufe mit Hürden gepflastert ist.
Informationen und Anmeldung für den nächsten iXNet-Talk stehen hier in Kürze zur Verfügung.