ZAV Künstlervermittlung

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Auf einen Kaffee mit Christian Bruhn

Christian Bruhn ist einer der erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikproduzenten der Nachkriegszeit. Er schrieb unvergängliche Hits wie „Wunder gibt es immer wieder“ oder „Marmor Stein und Eisen bricht“ sowie die Musik für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen, darunter Captain Future, Heidi, Patrick Pacard, die Wicherts von Nebenan. Auch die Musik zu bekannten Werbemelodien von z.B. Milka oder McDonald‘s stammen aus seiner Feder.

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Lieber Herr Bruhn,

bleiben Musiker länger jung?

Ich denke schon. Man lernt ständig dazu, allein schon was die neusten technischen Entwicklungen in der Branche angeht, muss man auf dem Laufenden bleiben. Und als Komponist hört man nicht auf zu schreiben. Außer Gioachino Rossini - der hat sich zur Ruhe gesetzt und nur noch gekocht.

 Sie haben die Lieder für die CD „Lieder sind Freunde“ komponiert, die Texte stammen von Donato Plögert und sind aus den Geschichten älterer Leute entstanden. Altersmäßig waren die Leute wahrscheinlich gar nicht so weit von Ihnen entfernt?

Nein, im Gegenteil - teilweise waren sie sogar jünger! Ich werde dieses Jahr 84, da gab es durchaus ein paar jüngere Erzähler. Herausgekommen sind zwölf ganz unterschiedliche und bunte Geschichten, alle mitten aus dem Leben gegriffen. Da ging es zum Beispiel um zwei Schwestern, die im selben Kleid heiraten sollten. So richtig gut saß es aber nur bei der einen. Oder um einen Mann, der partout nicht tanzen konnte.

 Mit Songs wie „Zwei kleine Italiener“, Liebeskummer lohnt sich nicht“ oder auch „Ein bisschen Spaß muss sein“ haben Sie die Jugend dieser Menschen musikalisch begleitet.

Ja, und die Lieder auf der CD erinnern an diese Zeit - sie sind melodiös und verständlich. Ich finde, man kann auch mal zurückschauen, es muss nicht immer alles total modern sein. Als ich Mitte der 70er Jahre meinem Verleger Hans Meisel den „Pariser Tango“ vorspielte, hielt er das für zickiges, altmodisches Zeug. Da habe ich gesagt: Damit wirst du noch sehr viel Geld verdienen- und so war es dann auch. Das wurde ein großer Hit mit Mireille Mathieu.

 Auch in meinem Leben waren Sie musikalisch sehr präsent - mit den Soundtracks zu „Wickie“, „Heidi“, „Captain Future“, „Sindbad“, „Die rote Zora“, …

Die Musik zu „Captain Future“ und „Timm Thaler“ beispielsweise war damals modern und sie ist es heute noch, weil zeitlos, mit Einflüssen aus dem Jazz und komplexen Harmonien. Oft können sich die Leute nicht vorstellen, dass der Titelsong von „Heidi“ und der Soundtrack zu „Captain Future“ von derselben Person stammen.

Es gibt Journalisten, die mich immer gerne in die Schlagerecke gesteckt haben und sich über diese Musik erhaben fühlten. Ich schreibe gerne Lieder, die den Leuten gefallen - und den allermeisten Leuten gefallen schöne Melodien.

Gerade in Deutschland sind die einfachsten Sachen sehr erfolgreich. Etwas anspruchsvollere Popsongs wie zum Beispiel „What a Fool Believes“ von den Doobie Brothers kommen hier nicht einmal in die Charts – in Amerika werden sie Nr.1-Hits. Der Musikgeschmack für Unterhaltungsmusik ist dort ausgereifter, weil es dort die Klassikvergangenheit nicht gibt. Man sollte Musik nicht in Schubladen stecken, auf Schlager herabzuschauen halte ich für Dummheit.

 Wie ist es da in Ihrem Freundeskreis - mag Klaus Doldinger Schlager? Und auch Dieter Thomas Heck war ein enger Freund von Ihnen - mochte der Jazz?

Ja, der mochte Jazz- und er war ein guter Freund und ein sehr anständiger Kerl. Ein paar Jahre jünger als ich.

Mit Klaus Doldinger spiele ich einmal im Jahr auf der Weihnachtsfeier des Gema-Aufsichtsrats - da jammen wir zusammen und spielen Jazzstandards. Aber ich bin sicher, dass er nichts gegen Schlager hat, obwohl es nicht sein Metier ist. Wir sind persönlich sehr gut befreundet und er würde keine Musikrichtung pauschal ablehnen. Dafür ist er viel zu schlau.

 Aber für Katja Ebstein hat er mal einen Song geschrieben, der ging über zwei Oktaven!

Na ja, damals wurde er von Siegfried Loch vorgeschickt und sollte etwas für sie schreiben, und da hat er mich gefragt, welchen Stimmumfang sie hat. Und sie hat zwei Oktaven, aber normalerweise nutzt man das ja nicht aus, jedenfalls nicht im Schlagerbereich (lacht). Leider ist das Stück dann auch nie erschienen.

 Interpreten wie Drafi Deutscher, Katja Ebstein, Roberto Blanco stehen im Rampenlicht und werden sehr berühmt – Sie haben die Hits geschrieben, die diesen Stars zum Durchbruch verholfen haben. Müssten Sie da nicht genauso bekannt sein?

Das kann ja jeder halten wie er will. Dieter Bohlen ist ständig im Fernsehen, über Ralph Siegel kann man auch jeden Tag in der Abendzeitung lesen, wohin er ausgegangen ist. Ich bin lieber inkognito. Ich war mehrfach mit Udo Jürgens in Restaurants, der kam gar nicht dazu, etwas zu essen. Mir genügt es, wenn man meine Lieder kennt. Wie Werner Richard Heymann es sagte: „Sie kennen mich nicht, aber sie kennen meine Lieder.“

 Wie entstehen denn Ihre Songs?

Eigentlich komponiere ich im Kopf. Viele stellen sich ja den Komponisten am Klavier vor. Ich setze mich meist an den Schreibtisch und kritzle die Melodie neben den Text. Manchmal füge ich noch etwas hinzu, z.B. bei Hey Hey Wickie das „Nananana“, manchmal ändere ich auch den halben Text. Texte sind essentiell wichtig, darin sind mein Freund Ralph Siegel und ich uns einig. Und es kommt immer wieder vor, dass wir da auch mal energisch eingreifen (lacht).

Bei „Marmor, Stein und Eisen bricht“ kam Drafi Deutscher mit seiner Gitarre zu mir ins Büro und spielte mir die Melodie der ersten Strophenzeile vor. „Den Rest machst du!“ sagte er. Und so entstanden nach und nach der Refrain und der Text.

Die alte Frage ist ja immer, was ist zuerst da, die Melodie oder der Text. Kommt immer darauf an - aber mittlerweile ist es mir eigentlich lieber, wenn schon mal eine gute Textzeile da ist. Wenn die Melodie zuerst fertig ist, ist es für den Textdichter oft schwer, die zündende Idee dazu zu haben.

Donato Plögert, mit dem ich ja schon seit einiger Zeit zusammenarbeite, ist ein sehr interessanter Textdichter. Er hat die Phantasie, das Bildmäßige. Es ist wichtig, dass man konkrete Bilder hat. Das prägt sich mehr ein. Es gibt so viele Texte, die nur gedanklich sind.

 Früher haben Sie ihr Geld als Jazzmusiker verdient. War das damals einfacher als heute?

Früher gab es viel mehr Live Clubs als heute. Man konnte von 20:00 bis 01:00 spielen und hatte den ganzen Tag frei. Jazz haben wir damals live auf der Bühne gelernt, studieren konnte man das nicht. Man musste einfach die Ohren aufmachen. Ein wirklich schöner Beruf! Allerdings hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Einmal sah ich spät abends in einer Bar eine Band mit drei weißhaarigen Herren- die spielten ihr Programm einfach so herunter und sahen unglaublich müde dabei aus. Da dachte ich: So habe ich mir meine Musikkarriere nicht vorgestellt. Trotzdem bin ich gleich wieder eingestiegen, in der „Nachteule“ in München. Aber kurz darauf hatte ich einen Job bei einer Schallplattenfirma im Studio und habe Demos produziert. Und komponiert habe ich ohnehin schon, seitdem ich ein Kind war.

 Das Projekt „Lieder sind Freunde“ ist jetzt abgeschlossen. Was machen Sie als Nächstes?

Ich muss meinen ganzen Synthesizer-Stall auf Vordermann bringen und auf meinem Schreibtisch liegen meterhohe Papierhaufen, die abgearbeitet werden wollen. Und in meinem Arbeitszimmer fliegen tausende CDs herum, die muss ich jetzt mal aussortieren.

Das geht mir auch so, Herr Bruhn.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte unsere Berliner Kollegin Tanja Hutterer.