Orientierung für den Theaternachwuchs
In einem Arbeitsmarkt, der für junge Schauspieler*innen zunehmend herausfordernd ist, spielt die frühzeitige Beratung und Orientierung des Nachwuchses eine zentrale Rolle. Wie umfassend die Begleitung bereits während der Ausbildung beginnt, wie Trends und neue Formate die Arbeit verändern
und warum das Absolvent*innen-Vorsprechen (AVO) ein wichtiger Termin ist, erzählen die Vermittler*innen bei der ZAV-Künstlervermittlung im Bereich Schauspiel/Bühne im Gespräch.
Kai Wolters, Sie bereiten gerade das Theatervorsprechen in Neuss vor. Was macht diese Woche zu einem so wichtigen Ereignis?
Die Vorsprechwoche in Neuss ist eine einzigartige Veranstaltung. Hier kann der Schauspielnachwuchs deutschsprachiger Hochschulen sein Können präsentieren. Vor rund 20 Jahren von den Intendant*innen NRWs zusammen mit der ZAV-Künstlervermittlung ins Leben gerufen, bietet sie in wenigen Tagen einen konzentrierten, vielfältigen und unmittelbaren Überblick über den aktuellen Jahrgang. Für viele Studierende ist dies der erste große Kontakt zur professionellen Theaterlandschaft – und eine wichtige Gelegenheit, sich direkt vor Entscheiderinnen und Entscheidern zu zeigen.
Wieso ist diese Woche wertvoll für die Vermittlungsarbeit der ZAV-Künstlervermittlung?
Astrid Reibstein: Wir beobachten nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern vor allem die Persönlichkeit der Schauspieler*innen. Authentizität, Präsenz, Energie – all das zeigt sich auf der Bühne oft schon in wenigen Minuten. Und manchmal entsteht während einer Präsentation sofort eine Idee, welches Ensemble gut zu einer bestimmten Person passen könnte. Durch die Vielfalt der Hochschulen und Ausbildungswege, die in Neuss vertreten sind, sehen wir die gesamte Bandbreite eines Jahrgangs auf einen Blick. Parallel finden auch Vorsprechen in München und Berlin statt.
Die Woche bildet den Höhepunkt – aber die Nachwuchsarbeit beginnt viel früher. Unsere Arbeit setzt bereits während des Studiums ein. Wir führen Informationsgespräche an den Hochschulen, um die Studierenden kennenzulernen und sie über Unterstützungsmöglichkeiten zu beraten. Wir erfassen Fähigkeiten, Persönlichkeiten und Ziele – alles, was für die spätere Vermittlung wichtig wird.
Warum ist dieser frühe Kontakt so wichtig?
Kai Wolters: Der Arbeitsmarkt verändert sich spürbar: Stellen werden seltener nachbesetzt, Ensembles schrumpfen, und junge Künstler*innen brauchen daher Orientierung und Vernetzung. Begleitet wird diese Phase durch den regelmäßigen Austausch mit Hochschul-Spartenleitungen und Dozent*innen – ein Dialog, der uns einen umfassenden Blick auf Trends und Ausbildungsentwicklungen gibt.
Ein wesentlicher Baustein dieser Begleitung ist auch unser digitaler Absolvent*innenkatalog, der zu Beginn der Spielzeit erscheint. Dort präsentieren sich rund 200 bis 220 Nachwuchsschauspieler*innen pro Jahr mit Profilen, Fotos und ihren besonderen Fähigkeiten. Er dient dazu, den potenziellen Arbeitgeber*innen bereits im Vorfeld der AVO einen guten Überblick zu geben.
Ab Oktober reisen unsere Vermittler*innen dann von Schule zu Schule und sehen in der Regel das Vorsprechprogramm der Absolvent*innen. Der November markiert schließlich den Höhepunkt: das große Hochschulvorsprechen an drei Standorten in Deutschland – in Neuss, Berlin und München. Dort präsentieren die Abschlussklassen ihre komprimierten Programme und zeigen, woran sie in den vergangenen Jahren gearbeitet haben.
Wie begleiten Sie Absolvent*innen nach der Vorsprechphase und im Übergang in den Beruf?
Henning Bock: Wir beraten sehr individuell – ob bei initiativen Bewerbungen, der Einordnung von Chancen oder der Planung erster Engagements. Wenn der Kontakt von beiden Seiten gepflegt wird, begleiten wir Schauspieler*innen oft über viele Jahre hinweg. Viele schätzen langfristig den Austausch, den Blick von außen und die Möglichkeit, über uns konkrete Vermittlungsvorschläge zu erhalten. Die Zusammenarbeit ist freiwillig, aber oft entsteht daraus eine lange, vertrauensvolle Begleitung.
Theaterleitungen und Entscheider*innen nutzen die AVO zur Sichtung – wie bleiben Sie über das ganze Jahr hinweg vernetzt mit ihnen?
Henning Bock: Unsere Vermittler*innen in Berlin, Hamburg, Köln, München, Leipzig und Stuttgart stehen kontinuierlich in Kontakt mit den Theatern in ihrem Zuständigkeitsbereich. Diese Vernetzung ist ein zentraler Teil unserer Arbeit. Wir kennen die Ensemblestrukturen, offene Vakanzen und künstlerische Vorlieben vieler Häuser sehr genau – deshalb können wir gezielt passende Talente empfehlen.
Die Nachwuchsarbeit der ZAV-Künstlervermittlung endet nicht mit der Vorsprechwoche und auch nicht nach dem ersten Engagement. Die Vermittler*innen, die alle viele Jahre Erfahrung aus der Theaterwelt mitbringen, begleiten junge und etablierte Schauspieler*innen weiter, beraten bei Karriereentscheidungen, unterstützen bei Wechseln, geben Feedback, vermitteln Chancen und bleiben im Austausch mit Hochschulen, Theaterhäusern und Branchenpartner*innen.
Damit bildet die ZAV-Künstlervermittlung ein dauerhaftes Bindeglied zwischen künstlerischem Nachwuchs und professionellem Theaterbetrieb – verlässlich, erfahren und bundesweit vernetzt.
Kontaktieren Sie uns in Köln, Berlin, Hamburg, München, Stuttgart und Leipzig.