Navigation und Service

"Jeder Weg ist anders"

Wer heute mit Lukas Sima Löbner spricht, begegnet einem jungen Musicaldarsteller, der kurz vor seinem Abschluss an der Hochschule Osnabrück steht und bereits mehrere professionelle Engagements in Aussicht hat. Der Weg dorthin verlief jedoch alles andere als geradlinig.

Zwischen klassischer Gesangsausbildung, schwierigen Erfahrungen im Studium und dem späten Mut, seinem eigentlichen Traum zu folgen, liegt eine Geschichte, die vielen jungen Künstler*innen Mut machen dürfte.

Im Gespräch erzählt er, warum er beinahe Lehrer geworden wäre, wie er nach herausfordernden Situationen neuen Mut fand und weshalb Authentizität für ihn der wichtigste Schlüssel zu erfolgreichen Auditions ist.

Lukas, Du schließt in diesem Sommer Dein Musicalstudium in Osnabrück ab. Wann hast Du zum ersten Mal gespürt, dass Musik einmal Dein Beruf werden könnte?

Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Geige zu spielen. Später war ich auf einem Musikgymnasium, in einer Chorklasse und hatte Stimmbildungsunterricht. Dort habe ich gemerkt, dass ich tiefer einsteigen möchte und Musik mehr sein könnte als nur ein Hobby.

Musical spielte damals noch keine große Rolle?

Nicht als Berufswunsch. Ich komme aus Schwerin und hatte dort zunächst wenig Berührungspunkte mit Musical. Es gab allerdings einen Schlüsselmoment:

Ich habe am Mecklenburgischen Staatstheater „Anything Goes“ gesehen. Das hat mich total begeistert. Da war alles dabei – Gesang, Tanz, Steppen, Comedy, großartige Melodien.

Trotzdem erschien mir Musical zunächst weit weg. Ich hatte zwar einen musikalischen Hintergrund, aber keine Tanzerfahrung und konnte mir diesen Weg damals noch nicht wirklich für mich vorstellen.

Du hast zunächst auf eine klassische Ausbildung gesetzt. Warum?

Ich komme nicht aus einer Künstlerfamilie. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, gleichzeitig aber auch das Künstlerdasein mit vielen Unsicherheiten verbunden und mir deshalb eher zu einem Beruf geraten, der verlässlicher und planbarer erscheint. Deshalb begann ich zunächst ein Lehramtsstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Während des Studiums habe ich gemerkt, dass ich mich künstlerisch stärker entwicklen möchte und in einen Bachelorstudiengang gewechselt, der eine klassische Gesangsausbildung mit Pop/Jazz-Gesang verbindet.

Wie blickst du heute auf diese Erfahrung zurück?

Ich habe dort musikalisch sehr viel gelernt und dafür bin ich dankbar. Gerade die klassische Ausbildung hat mir ein Fundament gegeben, von dem ich heute noch profitiere.

Gleichzeitig gab es Erfahrungen, die mich persönlich und künstlerisch geprägt haben. In Teilen meines Studiums gab es Aussagen und Situationen, die mich verunsichert haben und in denen ich mich nicht fair und respektvoll behandelt und beurteilt gefühlt habe.

Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?

Zunächst hat mich das sehr getroffen. Ich habe vieles hinterfragt und gleichzeitig versucht, konstruktiv damit umzugehen, indem ich weiter an mir gearbeitet und viel geübt habe. Und zum Glück gab es Menschen, die mich unterstützt und mein Potenzial gesehen haben. Diese Stimmen wurden für mich wichtiger.

Andere Studierende setzten sich für mich ein, weil sie die Situation als ungerecht empfanden. Vor allem mein Gesangsdozent bestärkte mich darin, mich an Musicalhochschulen zu bewerben. Also habe ich mich in Wien und Osnabrück vorgestellt. Als dann die Zusage aus Osnabrück kam, hatte ich das Gefühl, endlich am richtigen Ort angekommen zu sein.

Musicalstudent*innen auf der Bühne
Aufführung am Theater in Osnabrück Quelle: Oliver Look

Was war dort anders?

Natürlich wurde auch dort intensiv gearbeitet, aber die Atmosphäre war eine andere. Statt auf Defizite zu schauen, wurde gefragt: Was bringt jede Person mit und wie können wir das weiterentwickeln. Dadurch konnte ich viel Selbstvertrauen aufbauen – besonders im Tanzbereich. Ich dachte immer, dass ist meine Achillesverse. Heute spiele ich sogar Rollen, in denen Tanzen ein wichtiger Bestandteil ist.

Hast du schon während des Studiums in Produktionen mitgespielt?

Ja, das war eine wichtige Praxiserfahrung. An der Hochschule durfte ich unter anderem Yanko in „Doktor Schiwago“ spielen. Ein weiteres Highlight war mein Engagement in Leonard Bernsteins „Mass“ in der Hamburger Elbphilharmonie gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Ich war dort Teil der 16 „Street People“ und durfte sowohl solistisch als auch im Ensemble auftreten.

Das Musical-Team der ZAV-Künstlervermittlung hat mich auf die Produktion aufmerksam gemacht. Sie hat mir wichtige Informationen gegeben und mich im Bewerbungsprozess unterstützt.

Welche Rolle spielt diese Unterstützung für junge Absolvent:innen?

Eine sehr große. Gerade am Anfang gibt es viele Themen, die man an der Hochschule kaum lernt: Sozialversicherung, Rechnungen, Verträge, Fristen oder Bewerbungsprozesse.

Die ZAV-Künstlervermittlung hat mir viel Orientierung gegeben. Gleichzeitig bekomme ich passende Ausschreibungen direkt zugeschickt. Die aufwendige Recherche entfällt und ich kann mich auf die künstlerische Arbeit konzentrieren.

Im Januar bist duch auch bei der MAP in Berlin aufgetreten.

Ich habe dort „It All Fades Away“ aus „The Bridges of Madison County“ sowie „This World Will Remember Me“ aus „Bonnie & Clyde“ gesungen. Nach den Präsentationen habe ich viel positives Feedback erhalten. Besonders schön fand ich, dass wir nicht nur als Solisten präsentiert wurden, sondern auch als Ensemble. Dadurch entstand ein sehr authentisches Bild unserer Ausbildung.

Für junge Absolvent:innen ist die Musical-Absolvent*innenpräsentation der ZAV eine wertvolle Möglichkeit, sich einem Fachpublikum vorzustellen und erste Kontakte zu knüpfen.

Der Einstieg ins Berufsleben scheint dir gut zu gelingen.

Ja, im Sommer warten bereits mehrere spannende Produktionen auf mich. In „Titanic“ im Theater Chemnitz werde ich gleich zwei Rollen spielen, Charles Clarke“ und den DaMico Tänzer. Das ist für mich auch eine Bestätigung dafür, dass ich meine Tanz-Skills im Studium gut ausbauen konnte. Außerdem folgen die Rolle des Rolf Gruber in „The Sound of Music“ in Oldenburg sowie „Der Graf von Monte Christo“.

Dass ich direkt nach dem Studium in mehreren Produktionen mitwirken kann, empfinde ich keineswegs als selbstverständlich. Diese Chancen geben mir viel Selbstvertrauen und zeigen mir, dass es sich ausgezahlt hat mutig zu sein und meinen Traum weiter zu verfolgen. Besonders nach den Zweifeln und Herausforderungen, die mich auf dem Weg begleitet haben, ist das ein schönes Gefühl.

Wenn du heute auf deinen Weg zurückblickst: Gibt es etwas, das du jungen Darsteller:innen mitgeben möchtest?

Lange dachte ich, ich hätte Zeit verloren, weil ich nicht direkt Musical studiert habe. Heute sehe ich das völlig anders. Durch meinen klassischen Hintergrund bringe ich Fähigkeiten mit, die mir heute helfen: Gesangstechnik, Diktion, Ensemblearbeit, Chorerfahrung, Arrangements schreiben, Klavier spielen und stimmliche Flexibilität.

Jeder Weg ist anders. Man muss nicht von Anfang an alles perfekt geplant haben. Vor allem würde ich jungen Menschen raten, sich nicht ständig auf ihre vermeintlichen Defizite zu konzentrieren. Viele denken zuerst darüber nach, was sie alles nicht können. Dabei wird oft vergessen, was sie bereits mitbringen.

Und was ist dein wichtigster Rat für Auditions?

Sei zu hundert Prozent du selbst. Ich bewerbe mich nur auf Produktionen, hinter denen ich wirklich stehe. Man sollte nicht versuchen, jemand anderes zu sein oder irgendwo künstlich hineinzupassen. Am Ende fragen sich die Verantwortlichen nicht nur, ob jemand gut singt oder tanzt. Sie überlegen auch: Möchte ich mit dieser Person mehrere Monate zusammenarbeiten? Authentizität ist deshalb oft wichtiger als Perfektion.

Zum Abschluss: Gibt es Traumrollen, die noch auf deiner Wunschliste stehen?

Ich liebe „Come From Away“ und würde wahnsinnig gerne einen der Kevins spielen. Noah in „The Notebook“ steht ebenfalls weit oben auf meiner Liste, seit ich die Produktion am Broadway gesehen habe.

Und dann gibt es noch Hans aus „Die Eiskönigin“. Einfach deshalb, weil es spannend wäre, einmal gegen das eigene Image besetzt zu werden und einen Bösewicht zu spielen. 

Lukas, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Hier können Sie das Profil von Lukas Sima Löbner ansehen