„Stabil wird es erst, wenn dein Leben auf mehreren Säulen steht – nicht nur auf der Bühne.“
Die sechste Ausgabe des beliebten Talk- und Netzwerkformats „musical connect“ widmete sich der psychischen Gesundheit von Darteller*innen – und zeichnete ein vielschichtiges Bild eines Berufs zwischen künstlerischer Erfüllung, strukturellem Druck und individueller Verantwortung.
"Next to normal“ - Die mentale Gesundheit von Darsteller*innen: alles andere als normal? Das war die Frage, die Talk-Gast und Expertin Alina Gause interessant, vielschichtig und unterhaltsam beantwortete. Die Psychologin, die selbst seit über 40 Jahren vor und auf der Bühne arbeitet, verband dabei wissenschaftliche Perspektiven mit eigenen Erfahrungen.
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Drei Rollen im beruflichen Kontext
Alina Gause stellte im Gespräch ein von ihr entwickeltes Modell der „drei Personen“ vor, das Künstler*innen helfen soll, ihre Sensibilität und Kreativität zu bewahren, ohne dabei psychisch auszubrennen. Die erste Person beschreibt die Privatperson mit ihrer Biografie, familiären Prägung, Gesundheit und persönlichen Bedürfnissen. Die zweite Person steht für den kreativen Kern – den künstlerischen Ausdruck und die emotionale Offenheit, die für das Spielen, Singen und Performen notwendig sind. Die dritte Person bezeichnet sie als eine Art „inneren Manager“, der in all den Zwischenräumen des Berufsalltags aktiv wird: bei Auditions, Interviews, Netzwerkarbeit oder organisatorischen Aufgaben. Gerade diese vermittelnde Instanz sei entscheidend, um langfristig gesund in einem intensiven Berufsfeld arbeiten zu können.
„Es ist ein Privileg, diesen Beruf auszuüben – das zeigen zu können, was man kann, Menschen damit zu erfreuen und sich selbst daran zu erfreuen. Auch wenn das im Alltag oder in der gesellschaftlichen Wahrnehmung manchmal in den Hintergrund gerät, bleibt es genau das: ein Privileg. Und es lohnt sich, diesen Stolz bewusst mitzunehmen.“ - Alina Gause
Individuelle Wege statt starre Karrieremodelle
Ein zentraler Gedanke, der sich durch den Abend zog: Es gibt nicht einen „richtigen“ Weg in diesem Beruf. Viele steigen mit klaren Vorstellungen ein – davon, was Erfolg bedeutet, wie eine Karriere verlaufen sollte und welche Ziele erstrebenswert sind. Doch die Realität ist vielfältiger.
„Modus Vivendi“ war ein Schlüsselbegriff, den Alina Gause erläuterte: Darsteller*innen müssen ihren eigenen Weg finden, ihr eigenes Gleichgewicht zwischen Arbeit, Erholung und kreativer Entfaltung. Lebens- und Arbeitsmodelle können dabei stark variieren – je nach Persönlichkeit, Belastbarkeit und individuellen Bedürfnissen.
Die Diskussion machte deutlich, dass Selbstverantwortung eine zentrale Rolle spielt. Wer merkt, dass bestimmte Aspekte – etwa kreative Entfaltung oder Erholung – zu kurz kommen, muss aktiv gegensteuern. Das kann bedeuten, bewusst Zeiträume freizuhalten, neue Projekte zu initiieren oder zusätzliche Standbeine aufzubauen. Diese Entscheidungen sind nicht immer einfach – insbesondere in einem Berufsfeld, das stark von Unsicherheiten geprägt ist. Doch sie sind entscheidend, um langfristig stabil zu bleiben und einem möglichen Ausbrennen vorzubeugen.
Sie plädierte dafür, das eigene Leben nicht ausschließlich über den Beruf zu definieren, sondern auf mehrere Säulen zu stellen. Dazu gehörten soziale Beziehungen, persönliche Interessen und alternative berufliche Perspektiven. Diese Vielschichtigkeit schaffe Stabilität und mache unabhängiger von äußeren Entwicklungen im Theaterbetrieb.
Fazit:
Psychische Gesundheit im Theater ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der bewusste Selbstreflexion erfordert. Es geht darum, individuelle Wege zu finden, Verantwortung für die eigene Stabilität zu übernehmen und die Balance zwischen künstlerischer Hingabe und persönlichem Schutz immer wieder neu auszutarieren. Wer den eigenen Modus Vivendi‘ entwickelt und sein leben auf mehrere stabile Säulen stellt, schafft die Grundlage für ein nachhaltiges, gesundes und erfülltes Arbeiten im Theater – jenseits von Klischees und starren Erwartungen.
Unser Talk- und Netzwerk-Format musical connect hat sich seit der ersten Ausgabe 2024 fest in der Branche etabliert. Zu jeder Veranstaltung laden wir Expert*innen zu einer Podiumsdiskussion ein und diskutieren über wichtige Themen und Fragestellungen, die von großem Interesse für unsere Community sind. Die nächste Ausgabe findet im Herbst statt. Mehr Informationen dazu folgen.