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Interview: "Warum eigentlich nicht?"

Schauspieler Steven Preisner über Berlinale, Body Positivity, die Bedeutung von Identifikationsfiguren und warum Vielseitigkeit für ihn berufliche Freiheit bedeutet.

Mit seiner Nebenrolle im Film „Allegro Pastell“, der bei der Berlinale Weltpremiere gefeiert hat, erhält Schauspieler Steven Preisner aktuell viel Aufmerksamkeit. Für ihn ist es mehr als ein Karrieremoment – es ist auch eine Gelegenheit, sein Engagement für Body Positivity und mehr reale Körperbilder in deutschen Medien zu thematisieren.

 

Steven, wie erlebst Du die Berlinale – Glamour oder Ausnahmezustand?

„Die Berlinale ist für mich eine echte Achterbahnfahrt der Gefühle. Da ist auf der einen Seite das Sehen und Gesehen werden, der rote Teppich, das Netzwerken innerhalb der Branche. Auf der anderen Seite steht aber für mich immer die Liebe zum Film im Zentrum. Dafür mache ich das alles. Den Rummel nehme ich mit, weil Sichtbarkeit wichtig ist – für meine Karriere, aber auch für die Themen, für die ich stehe."

Du spielst ‚nur‘ eine Nebenrolle, bekommst aber dafür sehr viel Aufmerksamkeit. Wie erklärst Du Dir das?

„Ich glaube, dass Nebenrollen oft sehr präzise sein können. Es geht nicht um die Länge der Rolle, sondern darum, ob sie ehrlich und authentisch ist. Wenn Menschen sich gesehen fühlen oder etwas wiedererkennen, dann entsteht Resonanz. Und das freut mich natürlich sehr."

Body Positivity ist ein zentrales Thema deiner Arbeit – im Film, in der Werbung, auf Social Media. Wie würdest du deinen Ansatz beschreiben?

„Body Positivity ist für mich kein Trend, sondern eine Haltung. Diese Haltung ist bei mir biografisch gewachsen. Als Kind habe ich kaum Menschen in den Medien gesehen, die so aussahen wie ich. Wenn doch, dann waren sie oft auf Klischees reduziert.

Auch am Anfang meiner Karriere wurde mir häufig die Rolle des Opfers oder des ‚dicken Jungen‘ angeboten. Während der Schauspielausbildung hieß es sogar, ich würde wahrscheinlich nie den Liebhaber spielen oder Liebeszenen drehen. Da frage ich mich natürlich: Warum eigentlich?"

Schreibst du deshalb heute auch eigene Drehbücher?

"Ja, ich möchte Figuren entwickeln, die in der Medienlandschaft noch immer unterrepräsentiert sind. Mir geht es aber vor allem darum Klischees aufzubrechen oder zu hinterfragen. Aber immer mit einem Augenzwinkern und Humor. Damit kann viel mehr erreicht werden, als mit Moralisieren.

In meiner Webserie „Danke! Wir melden uns.“ habe ich zum Beispiel meine Erfahrungen während Castings und Filmaufnahmen humorvoll aufgearbeitet. Das kam gut an und wir haben am Ende sogar einen Preis erhalten."

Hat sich das Rollenangebot für dich in den letzten Jahren verändert?

"Ja, zum Glück. Das Spektrum ist deutlich größer geworden. Jetzt spiele ich zum Beispiel auch den Familienvater, Computer-Nerd oder sogar Mörder.

Dazu gehört für mich auch, neue Formate auszuprobieren. Zum Beispiel die ARD Reality-Show „Die Werwölfe“. Da war ich anfangs ehrlich gesagt skeptisch und habe mich gefragt, ob das wirklich etwas für mich ist. Ausschlaggebend für meine Zusage war aber auch hier das Thema Repräsentanz.

Die Arbeit ohne Drehbuch, viel Improvisation und die Ungewissheit, was am Ende daraus entsteht, waren sehr herausfordernd – aber auch lehrreich. Gleichzeitig hat mir das Format ein ganz neues Publikum eröffnet und meinen Themen zusätzliche Sichtbarkeit gegeben."

Du arbeitest auch in der Werbung, unter anderem für Modemarken. Warum ist Dir das wichtig?

Weil Mode sehr viel mit Selbstbild zu tun hat. Kleidung wird zwar auch in großen Größen produziert und verkauft, aber kaum gezeigt. Und wenn, dann nicht an Körpern, die diese Größen wirklich tragen. Auch auf den Laufstegen wird nach guten Ansätzen jetzt wieder weniger Vielfalt gezeigt. Das ist mir aufgefallen, als ich vor ein paar Tagen bei der Fashion Week in Berlin war.

Mir ist wichtig, dass gesehen wird, wie Kleidung an realen Menschen aussieht. Nur so entsteht Identifikation. Deshalb arbeite ich gerne mit Modemarken zusammen, die bereit sind, diesen Schritt zu gehen. Die Kampagnen haben oft eine enorme Reichweite. Gerade dort ist es wichtig vielfältige Körperbilder zu zeigen – weil sie so stark wirken, besonders auf junge Menschen."

Du hast vor Deiner Ausbildung an der Schauspielschule Berlin auch ein Studium der Grundschuldpädagogik abgeschlossen. Wie kam es dazu?

"Meine Eltern wollten, dass ich etwas "Solides" lerne. Und es ist auch schön zu wissen, dass ich jederzeit einen Plan B habe. Außerdem gibt es durchaus Parallelen zur Schauspielerei. Ein Klassenzimmer ist auch eine Art Bühne. Da sitzen über 30 Kinder im Publikum, die unterhalten werden wollen. Das ist durchaus sehr anspruchsvoll." (lacht)

Hilft Dir Dein pädagogischer Background auch bei Deiner heutigen Arbeit?

"Sehr. Vor allem bei Kinderformaten wie Löwenzahn oder Siebenstein. Kinder sind sehr offen und ehrlich. Sie merken sofort, ob eine Figur authentisch ist oder nicht. Und wenn wir ihnen vielfältige Bilder zeigen, wird das für sie ganz normal. Ich möchte gerne eine Identifikationsfigur sein – etwas, das ich mir als Kind oft gewünscht hätte."

Du bist insgesamt sehr breit aufgestellt: Schauspiel, Werbung, Comedy, Drehbuch schreiben, Reality-TV. Freiheit oder Notwendigkeit?

"Mehrere Standbeine zu haben, war schon immer Teil dieses Berufs, weil er nie sicher war – und es auch nie sein wird. Ich empfinde das aber nicht als Einschränkung, sondern als große Freiheit.

Ich kann neugierig bleiben, Dinge ausprobieren und mich weiterentwickeln. Und alles, was ich erlebe, fließt irgendwann wieder in meine Rollen und Projekte ein."

 

Ein ausführliches Interview mit Steven Preisner ist ab 17.02. in der Mediathek bei rbb Antenne Brandenburg zu hören.

„Allegro Pastell“: Weltpremiere 14.2. – im Berlinale-Panorama bis 21.2.

Die preisgekrönte Web-Serie „Danke! Wir melden uns.“ ist auf YouTube zu sehen. Die Reality-Show "Die Werwölfe - Das Spiel um List und Täuschung" läuft in der ARD Mediathek