Gespräch mit Regisseur Jan Georg Schütte über „Das Begräbnis“

Anlässlich der aktuellen TV-Ausstrahlung der Miniserie „Das Begräbnis“ freuen wir uns sehr mit Jan Georg Schütte über sein erfolgreiches Projekt zu sprechen und einige Hintergründe zu erfahren.

Die ZAV-Künstlervermittlung arbeitet mit dem Schauspieler Jan Georg Schütte seit vielen Jahren erfolgreich zusammen. Dem breiten Fernsehpublikum ist er sicherlich bekannt durch seine Rollen u.a. in der bretonischen Krimi-Reihe „Kommissar Dupin“, der Comedy-Serie „Check Check“ oder auch einigen „Tatortreiniger“-Episoden. Als Regisseur hat Grimmepreisträger Jan Georg Schütte mit Filmen und Serien wie z.B. „Altersglühen“, „Wellness für Paare“, „Klassentreffen“ oder „Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“ improvisiertes Spiel zu seinem Alleinstellungsmerkmal im deutschen Fernsehen gemacht. In seiner neuen Serie „Das Begräbnis“ dreht sich die Handlung um den Tod eines Firmen-Patriarchen und die Verteilung des Erbes innerhalb dessen ost- und westdeutscher Patchwork-Familie und deren Anhang. Im großartig aufspielenden Ensemble mit namhaften Schauspieler*innen wie u.a. Martin Brambach, Charly Hübner, Anja Kling und Devid Striesow ist die ZAV-Künstlervermittlung durch die Schauspieler Jörg Gudzuhn, Uwe Preuss und Enno Trebs mit starker Figurendarstellung vertreten. – Das Gespräch führte Michael Birkner (ZAV-Künstlervermittlung Hamburg).

. Jan Georg Schütte Jan Georg Schütte. Quelle: privat

Lieber Herr Schütte, Ihre Miniserie „Das Begräbnis“ wurde im Januar zunächst in einer Preview im Hamburger Zeise Kino gezeigt, wo man bereits spüren konnte, dass das etwas ganz Besonderes im Fernsehen sein wird. Die Kritik hat die TV-Ausstrahlung nun geradezu gefeiert. Wie haben Sie die Reaktionen wahrgenommen und sind Sie von diesem großen Erfolg vielleicht auch etwas überrascht?

Ich bin tatsächlich ein bisschen überrascht von der Komplexität dieses Werkes. Der Schnitt war so aufwendig und kompliziert, dass man irgendwann im Wald steht, dann hat es von der Fertigstellung bis zur Ausstrahlung lange gedauert und man kann es auf eine Art nicht mehr beurteilen. Als ich es im Kino neu gesehen habe, war ich selber platt und ganz begeistert. Das ist immer auch ein Gemeinschaftswerk und da ist uns wirklich etwas gelungen, wo so viele Kräfte zusammenspielen, die alle einen Atem haben und zu einem großen Orchester geworden sind. Auf einmal kam ein Orchesterklang bei mir an, den ich in den Einzelinstrumenten so nie gehört habe. Ein Gesamtkunstwerk, das war mir vorher nicht so klar.

Angekündigt wurde Ihre Serie auch als Impro-Comedy, aber das Resultat ist ja weit mehr…

Genau, ich mag dieses Wort ‚Impro‘ sowieso gar nicht, weil es so klingt wie: "Da machen wir mal irgendwie was, da stellen wir paar Leute in den Raum und gucken mal, was passiert". Bei uns hat es in der Vorbereitung auch ganz viel mit Mathematik zu tun, großen Exceldateien und den ganzen Aufgaben, die wir an die Schauspielerinnen und Schauspieler verteilen. Da steckt extrem viel Hirnschmalz drin.

Ich musste an Thomas Vinterbergs Dogma-Drama „Das Fest“ denken und an Stefan Zweigs Komödie „Volpone“, wo ein quasi Toter ein abgründiges Spiel mit Erbschleichern spielt.

(lacht) Die Komödie kenne ich gar nicht. - „Das Fest“ war für mich der Auslöser überhaupt, um Filme zu machen. Eine Initialzündung, weil das eine unglaubliche, ganz neue Art war Geschichten zu erzählen, die mich extrem gereizt hat. Ich habe damals gar nicht so genau recherchiert, ob das improvisiert war, in Teilen bestimmt, aber ich habe gemerkt, dass das, was bei diesen Geschichten absolut im Mittelpunkt steht, der oder die Schauspielerin ist. Und ich habe kapiert: Wenn ich Filme machen will, dann will ich den Schauspieler in den Mittelpunkt stellen.

Worum ging es Ihnen inhaltlich bei „Das Begräbnis“?

Das ist ein Film, wo ich viele Dinge vermischen konnte. Ich wollte eine Gesellschaftssatire machen, auch dieses Thema deutsch-deutsche Vereinigung auf eine sehr leichte und hintergründige Art mal beleuchten über kleine Figuren. Das ist das Eine, das mir von Charly Hübner sehr angetragen wurde, mit dem ich schon den vierten Film, glaube ich, mache. Meine Frau ist auch aus der DDR, insofern ist es ein Thema, das sowieso immer virulent mitschwebt in meinem Leben. Dann war es das Thema der Komplexität von Familie, das mich wahnsinnig reizt. Das ist ja auch in „Das Fest“ stark mit drin. Und mich interessiert natürlich immer jede Art von Beziehungen. Ich starte keine Filme, um zu sagen, das ist meine Botschaft. Aber ich glaube, ich habe in den verschiedenen Folgen der Serie durchaus klar gemacht, dass wir in den Konflikten und Unterschieden, die wir haben, trotzdem einander liebevoll begegnen und einander begucken können. Denn jeder Mensch ist so ganz anders. Ich glaube, das ist eine Botschaft, die alle meine Filme durchzieht.

Sie haben Formen des improvisierten Spiels im seriösen deutschen Fernsehen etabliert. Was genügt Ihnen am gängigen Fernsehen nicht, dass Sie es ganz anders machen?

Ich sage immer: Ich höre das Papier so rascheln, also ich spüre die Absicht der Macher uns entweder zu belehren oder irgendwie politisch korrekt zu sein. Es werden zum Beispiel wahnsinnig viele Dramen gemacht, dafür kriegt man auch große Preise, diese Dramen haben aber keinen Humor. Das ist aber nicht so im Leben. Im Leben ist es so, da kann meine Frau gestorben sein und da stolpert der Krankenpfleger mit der Bahre, das ist nun mal so, das passiert. Es gibt eine Scheidewand: Wenn man ein Drama macht, darf es nicht lustig sein, und umgekehrt, wenn man was Lustiges erzählt, darf es nicht wirklich dramatisch werden. Mich berühren Geschichten, die im Drama auch einen Humor drin haben, und ich finde, diese Trennung zwischen den Genres ist in Deutschland sehr heftig. In England ist es ganz anders, die Engländer sind ja die Meister des schwarzen Humors. Ich hoffe, dass ich mich mit dem „Begräbnis“ ein bisschen auf diese englische Route begeben habe.

Was stört Sie an ausgefeilten Drehbüchern?

Ich mag mich nicht in diese Drehbuchschelte einreihen, die immer gemacht wird in Deutschland, weil ich glaube, es gibt einige ganz tolle Drehbuchautoren. Ich glaube, der Vorgang des Filmherstellens ist von sehr vielen Kontrollinstanzen begleitet, und das sind manchmal zu viele. Das Hauptding aber ist: Es gibt zu viel Angst in unserem Beruf. Das fängt bei vielen Redakteur*innen an, bei Regisseur*innen spüre ich auch, dass da viel Angst ist, dadurch dass es so viel um Konkurrenz und Aufstieg geht. Ich will das gar nicht verurteilen, es ist einfach so. Und bei den Schauspieler*innen natürlich auch, wir haben alle Angst, dass wir nicht mehr engagiert werden. Diese Angst durchwebt alles und die macht so einen Krampf und nimmt den Spaß am Beruf weg. – Bei meinen Dreharbeiten gibt es am Anfang ein Mal richtig Schiss, dann sind alle weiß um die Nase (lacht). Aber alle sind gleichgestellt und keiner hat, weil er ein Star ist, weniger Schiss, dass er da jetzt genauso durchmuss wie der Typ, der es zum ersten Mal macht. Und wenn es dann mal läuft und nicht ständig jemand kommt, der sagt: "Spiel das mal so, nein, das glaub ich dir nicht, sei mal glücklicher, mach das mal lustiger", wenn dieser ganze Kram wegfällt und die Schauspieler merken, dass sie spielen, dann geht auf einmal die Angst weg und man spielt nur noch. Das ist es, was die Sache ins Fliegen bringt. 

Bei der Preview-Diskussion im Zeise Kino haben Sie gesagt, dass jede Schauspieler*in improvisieren kann. Warum?

Weil es für mich die Grundlage der Schauspielerei ist. Man wird nicht Schauspieler, um etwas auswendig zu lernen und es aufzusagen. Dann kann man auch Redenschreiber werden oder sowas. Man wird Schauspieler, weil man sich in eine Figur, in einen anderen Menschen reinfühlen will und dann mal eine Zeitlang wie der oder die ist, um das eigene Leben vielleicht zu vergrößern. Wie als Kind, wenn ein Junge als Cowboy oder ein Mädchen mit einem Feenrock den ganzen Tag durch die Gegend geht, weil sie damit eine Seite von sich einfach für heute mal sein wollen. Im Grunde knüpft das, was ich mache, da an. Ich tue jetzt mal so ‚als ob‘ und dann bin ich das. Das Beglückende ist zu gucken, was passiert mit mir, welche Seite von mir lebt auf einmal, wie schön ist das, und man sieht so richtig: der Körper verändert sich, die Sprache verändert sich, der ganze Gestus verändert sich.

Sie spielen gerne in Ihren Filmen mit, in Ihrer Serie „Kranitz“ zuletzt sogar die Hauptrolle. Dieses Mal haben Sie sich ganz auf die Regie und vieles andere konzentriert. Hat der Schauspieler in Ihnen das einfach so akzeptiert?

(lacht) Der Schauspieler motzt dann innerlich schon ein bisschen und ist auch traurig, dass er nicht vorkommen darf. Ich bin von Hause aus in erster Linie Schauspieler, das heißt ich bin einer, der eigentlich den Applaus und dieses Wahrgenommenwerden braucht. Als Regisseur ist man im Hintergrund, schreibt auch, organisiert, und die Aufgabe ist ja wirklich im Hintergrund zu bleiben und nicht zu sagen: "Hoppla, hier komm ich". Aber diese große Befriedigung oder Beglückung gibt es, wenn ich sehe, dass die Schauspielerkolleg*innen so toll sind. 

. Jan Georg Schütte im Gespräch mit Charly Hübner. Quelle: privat

Welche Kriterien haben Sie, um Schauspieler*innen für Ihre Filme zu besetzen?  Was müssen die mitbringen?

Es ist eine Mischung. Einerseits geht es darum, Leute mit einer gewissen Prominenz zu nehmen, um das Produkt nach vorne pushen zu können. Das sind Leute, die haben sich durch kraftvolle Leistungen in unserer Branche durchgesetzt und haben ein ganz großes Selbstbewusstsein und Standing, mit dem sie reingehen in so ein Projekt. Und es gibt andere, die ganz neu mit drin sind und groß spielen und teilweise auch sehr gut vorbereitet sind. Es interessiert mich zudem, Leute aus ihrem Fahrwasser herauszubringen.

Sie stoßen bei Anfragen sicherlich auch auf Zurückhaltung – nach dem Motto: ‚Improvisation ist nicht so meine Sache, ich brauche Text‘.

Ja, Absagen gab es viele, aber es werden immer weniger, weil man sieht, wie schön die Ergebnisse sind.

In der Phase der Vorbereitung auf die Dreharbeiten geben Sie Ihren Schauspieler*innen umfangreiches Textmaterial, 40-seitige Booklets. Woraus bestehen die inhaltlich?

Erstmal gibt es eine mehrseitige Rollenbiografie zur Herkunft der Figur, zu privaten und beruflichen Hintergründen, Sehnsüchten und Zielen, Liebesgeschichten und gescheiterten Sachen, im Grunde ein Fragebogen, wo man alles abhakt. Dann gibt es eine Seite, wo gefragt wird, was die Figur heute erreichen will, meist sind es mehrere Ziele. Und ganz viele Seiten betreffen die Beziehungen zu den anderen Figuren: Was weiß er oder sie von den Anderen?  Aber nicht jeder weiß das Gleiche von den Anderen. Einer denkt vielleicht: "Das war die Liebe meines Lebens", das würde ich der Schauspielerin dieser Frau aber gar nicht schreiben, sondern vielleicht: "Das war so ein Typ, der war immer ganz nett zu mir".  Da werden also Informationen zu den anderen Figuren gegeben, die Missverständnisse einläuten, um das Spiel und die Konflikte zu befeuern.

Eine vierstündige Miniserie dieser Qualität an nur zwei Tagen zu drehen ist ja eigentlich kaum vorstellbar. Warum hat das funktioniert? Hatten Sie Vorteile gegenüber Produktionen, die das Zehnfache an Drehtagen haben, aber ‚zerstückelt‘ drehen müssen. Konnten Sie chronologisch drehen?

Im Endeffekt ist das ganz viel Erfahrung, die ich mit meinen anderen Fernsehfilmen schon gemacht habe. Ich bin inzwischen sicher, dass wir eine gute Geschichte hinkriegen. Entscheidend ist auch, dass die Technik nicht versagt, und die hat einen Hammerjob gemacht. An unserem Hauptdrehtag, wo die Kameras sechs Stunden durchliefen, haben wir „Das Begräbnis“ im Grunde durchgespielt – vom Friedhof über das Essen im Gasthof bis zur Testamentsverlesung. Es gab kleine Szenen, die vorab oder danach spielen, die wir öfter improvisiert und am zweiten Tag gedreht haben und wo wir aus der Chronologie gesprungen sind. Im Prinzip wurde aber alles chronologisch gedreht.

Haben Sie als Regisseur am Set Szenen gestellt und auch geprobt?

Geprobt haben wir gar nix. Die Schauspieler haben das Set gesehen und dann dort gespielt. Wir haben vorher mal technische Proben mit Komparsen gemacht, um zu sehen, was könnte passieren, wo sind die technischen Nadelöhre. Gedreht haben wir fast alles in einem Take.

Wie lange hat die Postproduktion gedauert und hatten Sie auch mal Angst vor der Menge an Filmmaterial, das die vielen Kameras aufgenommen haben – hunderte Stunden?

Diese Angst habe ich inzwischen nicht mehr, weil ich die Materialschlacht kenne. Insgesamt haben wir uns ein halbes Jahr mit dem Schnitt herumgeschlagen. Das Sichten war sehr aufwendig: Über fünfzig Kameras, die am ersten Tag liefen, das sind schon mal dreihundert Stunden, und dann noch der zweite Tag an vier parallelen Sets mit zwanzig Kameras. Das muss man sich alles mal so reinziehen. Ich merke inzwischen schnell, wo es bei Schauspielern gefunkt hat oder wo sie gesucht haben und noch nicht angekommen waren.  Das wirklich Aufwendige und Anstrengende bestand darin, auszuwählen, was wir in welche Folge hineinnehmen, um diese Serie zusammenzustellen. Das war unglaublich kompliziert.

. Regisseur Jan Georg Schütte und Produzent Lars Jessen am Set. Quelle: privat

Gab es Glücksmomente, die es braucht, um in so kurzer Zeit eine Miniserie zu drehen? Hat zum Beispiel das Wetter mitgespielt?

Am ersten Drehtag glücklicherweise, am zweiten hat uns das Wetter alles verregnet, das war richtig gemein. Wir wollten eigentlich einen dritten Wetterbackuptag haben, der fiel aber weg, weil wir durch Corona verschieben mussten und finanziell schon an der Kante waren. Das war bitter und traurig, wir wollten noch Drohnenflüge machen, diesen ganzen Begräbniszug zeigen, dieses Dorf, das wirklich sehr schön liegt, mehr featuren. - Beim Dreh selber habe ich so richtige Glücksmomente nicht, weil ich noch nicht kapiere, ob oder wie gut das Spiel funktioniert hat. Die Glücksmomente kommen eher im Schnitt, wenn ich sehe, dass sich auf einmal zwei Leute treffen, die zum Beispiel über jemanden lästern, und genau die richtige Person in diesem Moment dazukommt, dass ich denke: "Wie geil ist das denn, jetzt kommt der oder die auch noch dazu".  Das habe ich ja nicht inszeniert, sondern das ist einfach passiert. Dann bin ich wahnsinnig glücklich.

Die Folgen der sechsteiligen Miniserie „Das Begräbnis“ sind bis zum 25. Juli 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar. Die TV-Ausstrahlung läuft seit Ende Januar am späten Dienstagabend im ARD-Programm. Ein von Jan Georg Schütte bereits fertiggestellter Spielfilm „Das Begräbnis“ soll im Samstagabendprogramm der ARD ausgestrahlt werden. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.