Auf einen Kaffee mit …Roozbeh Ghasemi

vom: 14.05.2018

In unserer Interviewreihe „Auf einen Kaffee mit…“ stellen wir monatlich einen unserer Künstler/innen vor. Hier blicken wir hinter die Kulissen, lassen uns etwas über den Alltag jenseits der Bühne erzählen und erfahren Persönliches.

Hallo Roozbeh!

Du bist Iraner und hast nach deinem Filmstudium im Iran, in Malaysia und Tadschikistan gearbeitet. Wie war es für Dich, nach Deutschland zu kommen? Hattest du eine Art Kulturschock?

Ja, ehrlich gesagt schon. Ich musste erstmal dahinter kommen, wie die deutsche Gesellschaft funktioniert. Auf jeden Fall ist es superwichtig, schnell die deutsche Sprache zu lernen. Auch in der Filmbranche läuft die Kommunikation auf Deutsch. Am Anfang ist es nicht so leicht, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Aber mittlerweile komme ich sehr gut zurecht. Und ich mag die Menschen hier.



Was magst Du an den Menschen?

Mir gefällt die Ernsthaftigkeit und Zuverlässigkeit, mit der die Leute an Sachen herangehen. In Tadschikistan habe ich manchmal für einen Drehtag vier Kameramänner bestellt, weil mir klar war, dass drei von ihnen sowieso nicht auftauchen werden (lacht).



Und aus welchem Grund bist du nach Deutschland gezogen?

In Tadschikistan habe ich meine Frau kennengelernt, sie kommt aus Deutschland. Jetzt wohnen wir zusammen in Köln.



Für deine Videoinstallation „Inside Out“ hast du 2009 an mehreren iranischen Universitäten Studentinnen und Studenten fotografiert, um zu zeigen, wie sich Jugendliche im Iran kleiden. Was ist Dir dabei besonders aufgefallen?

Die Generation, die jetzt an den Unis studiert, wurde nach der islamischen Revolution geboren. Das heißt, laut Gesetz müssen sie sich streng nach den islamischen Regeln kleiden. 2009 war Mahmud Ahmadinedschad noch Präsident.

Trotzdem haben sie Wege gefunden, ihre Persönlichkeit zu zeigen und auf ihre Art dagegen zu protestieren. Einige haben eine lila Jeans oder bunte Turnschuhe getragen, oder sie haben ihre Haare unter dem Tschador hervorgucken lassen. Ein Mädchen war komplett von ihrem Tschador verhüllt, trug aber offene grüne Sandalen dazu. Das geht eigentlich überhaupt nicht, vorgeschrieben sind geschlossene Schuhe und Socken.



Du hast einen Film („I want to be different“) über die alternative Rockmusik-Szene in Tadschikistan gedreht. Tadschikistan gilt als einer der repressivsten Staaten der Welt und belegt, was Menschenrechte, Demokratie und Pressefreiheit angeht, weltweit die hintersten Ränge. Wie hat sich unter diesen Bedingungen deine Arbeit dort gestaltet?

Wir mussten oft tagelang warten, bis wir drehen durften, obwohl wir bereits eine offizielle Drehgenehmigung hatten. Manchmal kam die Polizei und stoppte unsere Arbeit ohne ersichtlichen Grund. Das ließ sich meistens mit etwas Geld lösen. Man musste also immer etwas mehr Zeit und Geld einplanen. Wir haben auch sehr viel Zeit mit Reisen verbracht, weil die Infrastruktur schlecht ausgebaut ist. Überall sind Berge, und es gibt nur eine richtige Fernstraße und kaum Schienenverkehr.

Aber die Menschen sind nett! Obwohl die Bevölkerung extrem arm ist, wurden wir ständig eingeladen; die Leute sind so herzlich und gastfreundlich.



Du sagst, dass du mit deiner Kunst die Betrachter dazu anregen möchtest, Gesellschaft, Kultur, Traditionen und die eigene Identität zu hinterfragen. Bisher hast du Projekte im Iran und in Tadschikistan umgesetzt. Hast du etwas Ähnliches auch in Deutschland vor?

Ich habe schon mehrere Ideen. Im Moment versuche ich gerade eine Förderung für einen Dokumentarfilm zu bekommen. Da geht es um einen jungen Migranten und eine ältere Dame, die Nachbarn sind. Die beiden bauen eine ganz besondere Beziehung zueinander auf. Die ältere Frau wird fast wie eine Großmutter für den jungen Mann und er hilft ihr im Haushalt, repariert Sachen oder zeigt ihr, wie man eine SMS schreibt- eine tolle Geschichte, die ich gerne erzählen würde.



In Köln warst du unter anderem für die Serie „Unter Uns“ bei der UFA beschäftigt. Wie hast Du das erlebt?

Das war schon ein großer Kontrast zu meiner sonstigen Arbeit, eine ganz neue Erfahrung. Es wird sehr schnell produziert und die Themen sind überall gleich, egal ob in Deutschland, Italien oder Frankreich … die Produktion ist stark industrialisiert; mir fehlten Kreativität und Leidenschaft.

Mit dem Team habe ich mich super verstanden, vor allem mit den jungen Schauspielern. Die kamen hauptsächlich aus dem Theaterbereich und ich habe sie als sehr emphatisch empfunden. Allerdings habe ich die Witze nie verstanden. Das ist immer das letzte in einer neuen Kultur, das man versteht: den Humor. Ist etwas ernst gemeint oder war es ein Scherz? Das ist wirklich die Kür!



Welchen Film hast Du Dir selbst zuletzt angeguckt?

Das war „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders.



Hast Du ein iranisches Lieblingsessen?

Iraner sind wie Franzosen, wir sind sehr stolz auf unsere Küche!

Ich habe mittlerweile gelernt gut zu kochen, und sehr gerne mache ich Fesenjan, das ist gekochtes Hühnchen in Granatapfel-Walnußsauce.

In Deutschland habe ich zum ersten Mal Fisch mit Sahnesauce gegessen, ich wußte überhaupt nicht, dass das geht. Superlecker!



Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte viel lesen und mein Deutsch verbessern. Und natürlich Drehbücher schreiben und Filme drehen!



Vielen Dank, Roozbeh, für das Gespräch.


Roozbeh Ghasemi ist ein iranischer Filmemacher. Nach seinem Studium der Film- und Fotokunst an der Kunsthochschule Teheran
arbeitete er unter anderem in Zentralasien, bis er schließlich nach Deutschland gezogen ist. Hier arbeitet er heute freiberuflich in Köln.
Zu seinen Arbeiten gehören unter anderem die Videoinstallation „Inside Out“ (Iran, 2009) und die Dokumentarfilme „I want to be different“ (Tadschikistan, 20012-2015) und „After the Curtain“ (Tadschikistan, 2016).