„Quo Vadis TV Fiction?“

vom: 05.12.2013

131205-tv-forum-bild1
Das waren noch Zeiten: Drei Programme, keine Werbung und fiktionale Formate wie der Francis-Durbridge-Reißer „Das Halstuch“ waren die reinsten Straßenfeger mit Einschaltquoten von bis zu 90 Prozent. Doch: „Eine überschaubare Formatlandschaft war gestern“, stellte die ZAV-Künstlervermittlung Berlin im Untertitel ihres 4. Netzwerkforums für Schauspieler und ihre Auftraggeber fest. „Quo Vadis TV Fiction?“ hieß die Veranstaltung, die Ende November in der ufaFABRIK über die Bühne ging. Auf dem Podium diskutierten Medienexperte Tim Renner, UFA Head of Research Rainer Hassenewert und der Geschäftsführer von UFA LAB Rainer Brandt. Im Publikum: Film- und Fernsehschauspieler, die sich über neue Entwicklungen in ihrem Berufsfeld informieren und austauschen wollten.

Die Programmvielfalt im Fernsehen ist heute gewaltig. Immer mehr Sender, immer neue Formate, immer mehr Nischen – aber immer weniger Platz für reine Fiktion. „Das hat verschiedene Ursachen“, sagt Jörg Brückner, Leiter der ZAV-Künstlervermittlung Berlin. „Eine ist, dass reine Fiktion in Zeiten rückläufiger Werbeeinnahmen einfach zu teuer in der Produktion ist.“ Der neue Trend Scripted Reality, der oft ohne Schauspieler oder teure Produktionsweisen auskommt, scheint die Zukunft zu sein: kostengünstig, zielgruppengerecht, interaktiv und mit seinen Verknüpfungen in die sozialen Medien ideal geeignet für die junge Zielgruppe. Die Zukunft für Schauspieler deswegen schwarz zu zeichnen, sei nicht gerechtfertigt: „In Großbritannien werden schon anspruchsvolle Hybriden aus gescripteten Formaten und Fiction produziert, in denen es auch Raum für Schauspieler gibt“, sagt Jörg Brückner.

Auch die Auftraggeber der Zukunft werden andere sein: eher die großen Streaming-Portale im Internet, weniger die großen Rundfunkanstalten. Neue Finanzierungsmodelle wie Crowd Funding werden in Zukunft ebenfalls eine größere Rolle spielen.

Die Zukunft hat begonnen, ist in Deutschland nur noch nicht ganz angekommen. Jörg Brückner sieht die neuen Entwicklungen zwar als tiefen Einschnitt, aber auch als Chance für Schauspieler: „Es wird in Zukunft weniger um das Handwerk des Schauspielers gehen, das muss jedem klar sein, der diesen Beruf ergreift. Dafür geht es mehr um die Fragen: Wieviele Follower habe ich auf Facebook, wie gut bin ich vernetzt? Aber dafür öffnen sich auch viele neue Wege: Man kann mehr selbst gestalten, trägt die Verantwortung für sich selbst. Der Künstler der Zukunft ist sein eigener Agent.“

So war die Grundstimmung des Abends in Berlin auch positiv. „Man spürte: Alle wollen sich der Realität stellen und nicht jammern.“ Das zeigen auch die Reaktionen im Nachgang der Veranstaltung: „Die Menschen sehnen sich nach Geschichten, wie auch immer wir sie erzählen!“, meinte eine der Teilnehmerinnen, ein anderer: „Mich hat der Nachmittag wieder neu inspiriert, neugierig gemacht auf die neuen Medien.“